Masseneiswanderung*

Heute haben wir die Masseneiswanderung mit eigenen Augen gesehen. Da liegt er, der Gletscher. Inmitten idyllischer Berge, dick und fett. Mächtig, reich an weissem, blitzsauberem Eis. Doch weil aus südöstlicher Richtung zuviel Eis zu schnell zum Gletscher strömt, baut sich im öffentlichen Raum der Gletscherzunge grosser Druck auf. Wird der Dichtestress zu gross, trennt sich der Gletscher ab und zu von einer Ladung Eis und schiebt ein Kontingent ums andere ins Meer ab.
Diesen Vorgang konnten wir heute aus nächster Nähe beobachten. Unser Ausflug in die Laguna San Rafael startete bei bestem Wetter in Puerto Tranquillo. Zuerst ging es im 4×4 zwei Stunden dem Rio Exploradores entlang. Mangels Brücke setzten wir mit dem Boot über den Fluss und zuckelten mit dem Büssli nochmals 10 km weiter. Dann hiess es Schwimmwesten anziehen und in ein kleines Schiff – Typ lottriges Hausboot – umsteigen. Zuerst dümpelten wir eine halbe Stunde den Fluss runter. Dann legte der Kapitän den Hebel um, der Bug stellte sich in den Wind und von da an gings mit Vollschnaps über die Lagune.
2 Stunden später sind wir da. Direkt vor einer grossen weissen Eiswand. Der Fahrer stellt den Motor ab – es herrscht Ruhe. Im Eis knirscht und knackt es. Um uns herum treiben Eisschollen. Das Eis schmilzt, man hört es. Es ploppt. Als ob man diese Plastikfolie zerdrückt, die man zum Verpacken braucht. Ein paar Seevögel kreischen.
Da plötzlich, ein dumpfer Knall, eine Wasserfontäne. Immer wieder brechen kleine und grosse Eisbrocken ab und fallen mit Getöse ins Wasser. Die grossen Blöcke fallen in Zeitlupe herunter, tauchen kurz unter und treiben dann majestätisch vom Gletscher weg.
Rund eine Stunde verbringen wir vor dem Gletscher. Hören zu, wie er schmilzt. Noch vor 20 Jahren ragte seine Zunge weit in die Lagune hinaus. Jetzt zieht er sich zurück. In 30 Jahren wird er nicht mehr da sein. Einfach verschwunden. Von der Hitze der globalisierten Welt dahingeschmolzen.
Der Kapitän startet den Motor und wir treiben zusammen mit einigen abgestossenen Eisschollen weg vom grossen behäbigen Gletscher. Zurück ins Basislager.

  • Danke, Koni, für den Titel ;-)
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